Collage von Ruth Gamper
peter senoner artist
Lies Bielowski Ginkoblätter im Pharmaziemuseum Brixen, sandgestrahlt auf Glas
Fotografie von Elisabeth Hölzl

Peter Senoner - „enzymatic“

„enzymatic“ heißt der großformatige Siebdruck auf Spiegelglas mit der dazu gehörigen Computeranimation.
Diese künstlerische Intervention ist nicht als neues künstlerisches Beiwerk, sondern als eine im Konzept des Museums vorgesehene zeitgenössische Reflexion seiner Inhalte angelegt. Es fordert die Museumsbesucher*innen heraus, ihre individuelle Gefühls- und Erfahrungswelt in die Begegnung mit der im Museum präsentierten Pharmaziegeschichte einzubringen und unterstreicht deren Bezug zur unmittelbaren Gegenwart.
Was uns der Künstler Peter Senoner im Spiegel der Arzneigeschichte präsentiert, stellt einen fremdartigen Hominiden dar, der sich nach und nach in ein vogelartiges Wesen verwandelt. Wie die Pharmaziegeschichte bewegt sich auch die Vorstellungswelt des Künstlers zwischen Magie, Science-Fiction und Naturwissenschaft, zwischen der Hoffnung auf Heilung und dem Reiz an der Manipulation des Körpers.

Peter Senoner, 1969 in Kastelruth geboren, lebt in Lajen und München; Ausbildung an der Akademie für bildende Künste in München, Arbeitsaufenthalte in New York, und Tokio; Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfond Bonn; Ausstellung in der Phoenix Art – Sammlung Falckenberg Hamburg, Kunsthalle Wien Ar/ge Kunst Bozen, Galerie Wittenbrink München, Lindenberg Gallery New York, Haus der Kunst München

Erhält am 17. November 2005 den Bayerischen Kunstförderpreis

Lies Bielowski - Ginkgoblätter

Das Sammeln von Blättern, Gräsern, Moosen, Farnen... begleitet mich seit mehreren Jahren in meiner künstlerischen Arbeit. Das Interesse am Gesammelten begründet sich dabei jeweils aus dem Ort und dem Verhältnis dieses Ortes, bzw. der Beziehung der dort lebenden, arbeitenden, durchreisenden... Menschen zu der gesammelten Pflanze.

Bei meinem ersten Besuch an diesem Ort, in diesem Museum war ich berührt von der sorgfältigen Auswahl der Ausstellungsstücke, dem respektvollen Umgang mit dem zu „Bewahrenden“ und dem Spannungsverhältnis, das sich ergibt durch das Aufeinandertreffen zeitgeistiger Museumskonzeption und -architektur mit den „Dingen“, die seit vielen Generationen gesammelt und archiviert wurden. Zudem beeindruckte die Lebendigkeit des Museums, bedingt durch seine Einbettung in dieses Haus, in dem die Familie Peer nach wie vor ihre Apotheke betreibt und in dem sie auch lebt. Ein sensibel restauriertes altes Stadthaus mit betriebiger Straße zur einen und einem von der Straße abgewandten, alten Garten mit Blumen, Sträuchern und Bäumen zur anderen Seite. Im linken hintern Teil des Gartens ein großer Ginkgobaum!

In Asien wird er seit Jahrhunderten als heilig betrachtet und verehrt. Durch das in der Pflanzenwelt einzigartige, zweigeteilte Blatt und seine Zweihäusigkeit wurde er schon früh mit dem Symbol des Yin-Yang, dem Inbegriff der Harmonie, in Verbindung gebracht. Die schlanke aufstrebende Form des Baumes repräsentiert dabei das Yang, und wird mit Aktivität und Lebenskraft gleichgesetzt, während zugleich die Blätter aufgrund ihrer fächerartigen Form, das Yin, also Sanftheit und Weichheit, darstellen. Zusätzlich vereint der Ginkgo Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit in sich. Da er nachweislich so gut wie keine Schädlinge hat, kann er ein enorm hohes Alter erreichen. In Asien sind Bäume bekannt, die ein Alter von 1.000 und mehr Jahren erreicht haben.

In der heutigen Kräuterheilkunde werden die Samen und der Extrakt der Blätter häufig zur Verbesserung des Gedächtnisses, also gegen das Vergessen, verordnet.

Langlebig, widerstands-, aber auch anpassungsfähig, harmonisch durch das gleichwertige Mit- und Nebeneinander von Gegensätzen und gegen das Vergessen – ein Baum wie dieses Museum!
Mein erster Besuch in Brixen findet kurz vor Weihnachten statt und in eisiger Kälte graben wir gefrorene Ginkgoblätter aus dem Schnee. In einem kleinen Karton zum Transport für Medikamente bringe ich mehrere Hand voll davon nach Innsbruck in mein Atelier. Die Blätter werden nun verlesen, gekocht, gewaschen, gebleicht...solange, bis sie die Qualität von dünnstem, feinsten Seidenpapier erlangen. Die zuvor klirrhart gefrorenen Herbstblätter zeigen plötzlich wieder Elastizität und eine unbeschreibliche Zartheit, in der all die feinen Adern, aber auch kleine Risse und Falten sichtbar werden.

Mit den hoch technisierten und exakten Verfahren der neuen Medien werden diese kleinen individuellen Welten in große, reproduzierbare Bilder umgesetzt, welche wiederum mit der alten Technik des Sandstrahlens auf Glas gebracht werden.

Lies Bielowski, Innsbruck im August 2006